Landesfürstliche Burg
ein Märchen in Efeu

Im Jahre 1448 trat Erzherzog Sigmund, der Sohn Friedrichs IV. von Österreich (Herzog Friedl "mit der leeren Tasche"), die Regierung in Tirol an, nachdem er nach dem Tode seines Vaters an die neun Jahre unter der Vormundschaft Kaiser Friedrichs III. in Österreich verbracht hatte. Schon ein Jahr darauf unternahm eine Abordnung tirolischer Adeliger, nämlich Lienhard von Velseck, Parcival von Annenberg und der Landkomtur Ludwig von Landsee, die mühevolle Reise nach Schottland, um die Tochter Eleonore des Königs Jakob I. von Schottland ihrem Herrn als Braut und Gemahlin zuzuführen.

Seiner schöngeistigen und hochgebildeten Frau das Einleben in der Fremde zu erleichtern, war wohl einer der Gründe für den liebenswürdigen und gutmütigen Erzherzog Sigmund, die Stadtburg in Meran zu bauen bzw. auszubauen. Hier stand früher wahrscheinlich der Wohntrakt des landesfürstlichen Kelleramtes. (Am Platze des mittelalterlichen Kelleramtes selbst, in der Zeile der Laubenhäuser, steht heute das neue Rathaus von Meran.).
Die Landesfürstliche Burg stammt also nicht aus der Zeit der Margarethe Maultasch, wie vielfach angenommen wurde, sondern war ein Werk dieses baufreudigen Fürsten, der, wie sein Vater, seinen ständigen Regierungssitz in Tirol genommen hatte. Obschon als offizielle Hauptstadt damals (seit 1420) bereits das verkehrsgünstigere Innsbruck galt, wurde das alte Meran als ursprüngliche Hauptstadt des Landes noch immer anerkannt und spielte eine gewisse Rolle. Schon früher hatten die Landesfürsten dem Aufenthalt auf Schloß Tirol die Zenoburg vorgezogen, die ja seit 1288 in ihrem Besitz war. Wahrscheinlich behagte es ihnen besser, näher der damals mit ihren Märkten und Getrieben lebendigen Stadt Meran zu wohnen. Nach der Zerstörung der Zenoburg durch Kaiser Karl IV. scheint vor allem Margarethe Maultasch vornehmlich auf ihrem Schloß Neuhaus bei Terlan gewohnt zu haben. Erzherzog Sigmund vollzog die Verlegung des residenzialen Wohnaufenthaltes anscheinend endgültig nach Meran.
Dem Fürstenpaar schien das Wohnen hier besser als auf dem entfernten und etwas schwierig zugänglichen Schloß Tirol zu behagen, vor allem dem Fürsten, der so leutselig und volksverbunden war, daß er mit den stärksten Männern im Burggrafenamt sogar Ringkämpfe austrug. Es sind uns auch Namen einiger Partner des mit ungewöhnlichen Körperkräften ausgestatteten Erzherzogs bekannt, nämlich ein Meraner namens Staffl und der Passeirer Jörg Prißler.
Für Erzherzogin Eleonore mag der Aufenthalt in Meran viel angenehmer und vertrauter gewesen sein als die weiten Säle im Schloß Tirol. Die schöngeistigen Anlagen der Erzherzogin sind bekannt, so übertrug sie den Roman "Pontus und Sidonia" aus dem Französischen ins Deutsche, eine bemerkenswerte literarische Tat.
In späterer Zeit stand die Landesfürstliche Burg wohl meist vereinsamt. Wir wissen noch von kurzen Aufenthalten des Kaisers Maximilian I., des "letzten Ritters", wovon Stube und Kammer im ersten Stock den Namen "Kaiserzimmer" erhielten; der Markgraf Karl von Burgau war öfters kurz zu Gast, dem als Sohn des Erzherzogs Ferdinand I. von Tirol aus der morganatischen Ehe mit der schönen Philippine Welser aus dem reichen Augsburger Kaufherrengeschlecht keine Erbfolge als Landesfürst zustand; schließlich hielt sich Kaiser Ferdinand I. mit seiner Familie, der vor der Pest aus Innsbruck geflüchtet war, im 16. Jh. hier auf und im 17. Jh. der damalige Landesfürst Erzherzog Maximilian, der Deutschmeister.

Wie bei Schloß Tirol begann auch bei der Landesfürstlichen Burg allmählich eine starke Verwahrlosung, nur die Kapelle blieb hiervon einigermaßen verschont. Die bayrische Besatzungszeit spielte der Landesfürstlichen Burg durch Profanierung übel mit, ja sie wurde sogar dem Fürsten Thurn und Taxis als Entgelt für das Postregal überlassen. Schließlich wollten die städtischen Behörden die Burg Mitte des 19. Jh.s schleifen, um für einen Schulhausneubau Platz zu gewinnen. Wiederum, wie beim Schloß Tirol, war es der hochsinnige Tiroler Historiker David von Schönherr, dessen rastlosen Bemühungen es gelang, die Landesfürstliche Burg zu retten und ihre Restaurierung über Anweisung des Kaisers Franz Joseph I. durch den Wiener Dombaumeister Schmidt zu erreichen. Auch die stark gelichtete Inneneinrichtung konnte nach und nach durch stilechte Möbelstücke ersetzt werden, wobei man sich auf ein Inventar der Burg aus den Jahren 1518 - 1528 stützen konnte.

Die Landesfürstliche Burg steht mitten in der Stadt Meran, nur einen Büchsenschuß weit von der Laubengasse entfernt. Und weil hier früher an den Berglauben das Kelleramt der Grafen von Tirol stand, wurde die Burg anstelle des Hinterhauses erbaut . Der im Geschmack der Zeit in einem unregelmäßigen Rechteck errichtete, niedrige Bau, mehr ein festes Haus als eine Burg, mit seinen zinnengekrönten Mauern, zwei Erkern und einem Turmaufsatz, und das alles von Efeu wild überwuchert, wirkt malerisch wie ein verzaubertes Schlößchen. Es ist neben dem Pfarrplatz und der Pfarrkirche einer der schönsten romantischen Anblicke in der Stadt.
Durch ein großes Rundbogentor mit einer massiven Tür, in die eine kleinere spitzbogige Tür, das sogenannte "Nadelöhr", eingebaut ist, betritt man den reizvollen Hof mit seinen ebenfalls grün überwucherten Mauern. Ringsum laufen zweistöckige Holzsöller und Wehrgänge. In Stein gemeißelte Wappen künden von den früheren Hausherren.
Auf dem Hof geht es rechts in die Wachstube mit Waffen aus dem 16. Jahrhundert. Im ersten Stock ist an den Hauswänden, an denen die Söller entlangziehen, überreich Rankenwerk gemalt, dazwischen viele Jagdszenen, Jäger, Hunde, Hirsche und Hasen, eine Edeldame auf der Falkenjagd, vielleicht die Fürstin Eleonore selbst, die sehr jagdliebend gewesen sein soll, dann Gedenksteine der Kelleramtsverwalter von Voglmayr.

Man gelangt in das einfache Jungfernzimmer des Hofstaates dann in eine Stube, eine Kammer und die Kapelle. Alles ist wieder so hergestellt, wie man es aus den erwähnten Inventaren kennt, alles ist sehr einfach, es gibt nur die notwendigsten Wohn-, Aufenthalts- und Wirtschaftsräume, keine Prunk- und Rittersäle und - gäbe es die Kapelle und die schönen Wandmalereien nicht - könnte es nach Anlage und Ausstattung die Wohnung eines Ratsherrn oder begüterten Bürgers des ausgehenden Mittelalters sein. Die kleine Kapelle ist durch ein Holzgitter geteilt. Der Altar stammt aus späterer Zeit (1631). An der Wand hinter diesem erkennt man das Fresko einer Kreuzigungsgruppe.
Die Schlafkammer ist holzgetäfelt, ein Doppelbett in gotischem Stil steht in dem einfachen Raum. Anschließend kommt man ins sogenannte "Kaiserzimmer". Durch Butzenscheibenfenster dringt mildes Licht in den mit Zirbelholz einfach getäfelten Raum. Prächtig sind die beiden Wappentafeln über den gotischen Türen, der Bindenschild und das Wappen von Altösterreich, eine wertvolle Schnitzarbeit, reich gefärbelt und vergoldet. Eine besonders heimelige Note geben dem Raum die in der seltenen Terraverde-Technik (auf grünem Grund schwarze Konturen mit weißen Glanzlichtern) gemalten Fresken im Erker: Rankenwerk, Jagdszenen und figurale Kompositionen, so die interessante Zusammenstellung der sieben berühmtesten Könige der Weltgeschichte (König David, Hektor, König Artus, Gottfried von Bouillon, Kaiser Karl der Große, Julius Cäsar und Alexander der Große). An den Seitenwänden des Erkers sind in zwei leider stark restaurierten Fresken zwei Szenen komponiert, eine davon stellt wohl die Hochzeit Sigmunds mit Eleonore von Schottland dar, die andere eine höfische Gesellschaft um einen Liebesbrunnen. Den edlen Raum schmückt im Hintergrund ein monumentaler Majolikaofen von 1400, dessen grüne Kacheln hochkünstlerische figurale Darstellungen und Bildnisse zieren.

Eine Wendeltreppe führt in einen geräumigen Vorsaal im zweiten Stockwerk. Hier liegen das Speisezimmer mit herrlich schönem Terrakotta-Fußboden, das Musikzimmer mit Musikinstrumenten aus dem 17. und 18. Jh., das Spielzimmer und ein Aufenthaltsraum. Auf alle diese Räume sind wertvolle gotische Möbel verteilt, einige Bildnisse Südtiroler Adeliger aus der Zeit Kaiser Maximilians u.a. Zu nennen wäre noch das Turmzimmer, das im alten Inventar als "Schreibstübl" aufscheint, und die Knechtekammer, die ihren Zugang von der Galerie aus hat. Die Landesfürstliche Burg zu Meran, besser gesagt, das einfache Stadtwohnhaus der Landesfürsten mitten unter ihren Bürgern, ist wie Schloß Tirol ein wertvolles Zeitdokument, wenn auch vieles restauriert und zusätzlich Möbel und Einrichtungsgegenstände zugebracht werden mußten. Nur sind die beiden Wohnsitze der Herren von Tirol - das einsame, fürstliche Schloß hoch oben am Berghang und das wohnliche, eng in den Wohnkern der Stadt einbezogene fürstliche Wohnhaus am Fuße des Berges - von Grund auf verschieden.