Nach dem Knappenloch, einem 1682 angelegten Tunnel, fuhrt der
Weg durch den sogenannten Kostengraben; in ihm sind rechts
oberhalb der Promenade Erdpyramiden zu sehen. Wenn man sich dem
Schloß nahert, wird man erkennen, daß der steile
Geländeabsturz unterhalb der Burg kein Felsen ist, sondern
lockerer Moranenschutt. Dieser suspekte Untergrund bedeutet seit
Jahrhunderten eine Bedrohung für das Bauwerk, 1640 ist gar der
Nordostteil der Burg in den Kostengraben gesturzt.
Als die
damaligen Grafen im Vinschgau gegen 1120 mit dem Bau des
Schlosses ihren Willen zur Macht bekundeten, galt ihre Sorge
freilich nur der reprasentativen Lage. Denn die Grafen von Tirol,
wie sie sich ab 1141 nach ihrer Burg nennen, standen in der
vordersten Reihe derer, die sich in blutiger Rivalitat zu anderen
adligen Familien ihren Anteil an der zerfallenden Lehnshoheit der
Bischofe von Trient und Brixen zu sichern wußten. Als 1253 die
Tiroler Grafen mit Albert III. im Mannesstamm ausstarben,
hinterließ dieser seinem Schwiegersohn Meinhard 1. von Gorz die
Grafschaften Vinschgau, Bozen und Eisacktal.
Meinhard II. (gestorben 1295) fügte nach der Niederlage der
letzten Konkurrenten, der Grafen von Eppan, noch deren
Territorium und das Ober- und Unterinntal hinzu , wo durch sich
Tirol nördlich des Brenner auszudehnen begann. Als Meinhard II.
im Kampf Rudolfs von Habsburg gegen Ottokar von Böhmen für
ersteren Partei ergriff und dafür mit dem Herzogtum Kärnten
belohnt wurde, konzentrierte sich in Schloß Tirol eine
bemerkenswerte Machtfülle. Sie erbte Meinhards Sohn Heinrich,
der es sogar zum Titel eines "Königs von Böhmen"
brachte. Als sich abzeichnete, daß aus den drei Ehen dieses
Heinrich kein mannlicher Nachfolger hervorgehen wurde, richteten
sich begehrliche Blicke der mächtigsten deutschen Fürsten
häuser auf ein kleines Mädchen: auf Margareta, die bereits im
Kindesalter zur Alleinerbin bestimmte Tochter Heinrichs. Unter
dem Namen Margarethe Maultasch ist sie in die Geschichte
eingegangen, und der dramatische Verlauf ihres Lebens hat
zahlreichen Romanciers zu mehr oder weniger zwingenden
Inspirationen verholfen.
Dabei ist die Frage, ob der abschätzige
Beiname "Maultasch" auf das tatsfichliche Aussehen der
Gräfin oder nur auf den Namen ihrer Burg bei Terlan
zuruckzuführen ist, nie geklärt worden. Unbestritten ist
Margarethe eine kluge Frau gewesen; sie versuchte aus ihrer Rolle
als Schacherobjekt dynastischer Heiratspolitik das Beste zu
machen, konnte aber den Mächten ihrer Zeit nicht gewachsen sein.
Die Konkurrenz zwischen Luxemburgern, Wittelsbachern und
Habsburgern um die kindliche Erbin entschieden zunachst erstere
für sich: durch großzügige finanzielle Unterstützung für den
in chronischer Geldverlegenheit steckenden Heinrich hatte sich
Johann von Luxemburg auf der Tiroler Szene viel versprechend ins
Spiel gebracht, die Vermahlung seines neunjahrigen Sohnes mit der
zwolfjahrigen Margarethe (1330) schien den Handel ein für
allemal zugünsten seines Hauses entschieden zu haben. Doch die
beiden Kinder verstanden sich nicht. Als sie nur fünf Jahre
spater durch den Tod des Konigs Heinrich die Regierungsgewalt
übernahmen, kam es zum Eklat. Anstatt sich in ihr Unglück zu
fugen, ließ Margarethe verlauten, sie habe von ihrem Gemahl
keine Kinder zu erwarten, wohl wissend, daß sie ihm damit die
wichtigste Qualifikation absprach, die ein feudaler Landesvater
nachweisen mußte, da die Kontinuität der Dynastie über allem
stand. Gestutzt auf den Tiroler Adel, welcher langst mit
Mißbehagen zugesehen hatte, wie sich die Luxemburger am Tiroler
Hof in lukrativen Posten eingenistet hatten, begann ein höchst
intrigantes Spiel: Während eine Abordnung des Tiroler Adels in
München mit Kaiser Ludwig dem Bayern über einen neuen
Ehekontrakt zwischen Margarethe und dessen Sohn Ludwig von
Brandenburg verhandelte, fand sich der noch amtierende Ehemann
eines Tages verdutzt vor den geschlossenen Toren von Schloß
Tirol wieder und mußte fluchtartig das Land verlassen. Kurz
darauf erschien der Kaiser mit seinem Sohn; die Neuvermählung
der Margarethe Maultasch mit dem Wittelsbacher wurde prunkvoll
vollzogen, ohne daß die Ehe mit dem Luxembürger gelost worden
ware. Nun übersturzten sich die Ereignisse, denn diese Form der
Landervermehrung eines deutschen Kaisers ging selbst seinen
keineswegs zimperlichen Zeitgenossen zu weit: Der Papst belegte
Margarethe und ihren neuen Gatten mit dem Bann, das ganze Land
Tirol mit dem Interdikt. Gegen den ebenfalls vom Kirchenbann
getroffenen Kaiser sammelte sich eine Allianz deutscher Fürsten
und erklarte ihn für abgesetzt, als neuen Kaiser wahlten sie
ausgerechnet den Bruder des aus Tirol vertrieb enen Luxemburgers
, der als Karl IV. den Thron bestieg. Der zögerte nicht lange
und sammelte unverzüglich Truppen in Trient, um Tirol dem Hause
Luxemburg zuruckzuerobern.
Während einer Abwesenheit von Margarethes Ehemann zog das
kaiserliche Heer von Süden die Etsch aufwärts, Bozen und Meran
sanken in Schutt und Asche, doch gelang es der Landesfürstin,
das Schloß Tirol mit einer Handvoll Kriegsknechten so lange zu
verteidigen, bis Kaiser Karl sich vor den Truppen des eilends
zurückkehrenden Ludwig von Brandenburg zurückziehen mußte.
Damit war die unmittelbare Gefahr gebannt, aber es bedurfte noch
langjahriger Verhandlungen mit den Papsten in Avignon wegen einer
Anerkennung dieser Ehe und damit des inzwischen geborenen Erben
Meinhard III. Allerdings war auch jetzt das Glück der Margarethe
Maultasch nur von kurzer Dauer. Ihr Ehemann Ludwig von
Brandenburg starb, und ihr Sohn überlebte seinen
Regierungsantritt nur um wenige Wochen. Als am 13. Januar 1363
auf Schloß Tirol die Kerzen neben der Totenbahre des erst
19jahrigen Meinhard III. flackern, ist auch für Margarethe
Maultasch das feudale Spiel um Dynastie und Landereien vorbei.
Wenige Tage später übergibt sie resigniert dem durch Eis und
Schnee herbeigeeilten Habsburger Rudolf IV. die Regierungsgewalt
in Tirol, darauf wird sie selbst nach Wien gebracht und dort wie
eine Gefangene gehalten. Tirol durfte sie nie mehr betreten; der
Wiener Stadtteil Margareten tragt noch heute ihren Namen.
Da Schloß Tirol mit der Übergabe der Macht an Habsburg keine
Residenz einer lokalen Zentralgewalt mehr war, verlor es rasch an
Bedeutung. Die Verlegung der Landeshauptstadt nach Innsbruck zog
die Burg noch starker in Mitleidenschaft als Meran, ihre
Geschichte besteht schließlich nur noch aus Klagebriefen des im
Schloß hausenden Landeshauptmanns aber den immer bedrohlicher
werdenden Zustand des Mauerwerks. Schlielßich wurde es gar
lebensgefährlich, die Burg, zu deren Verfall der unsichere
Moränengrund ein übriges tat, zu betreten. Vorbildlich
restauriert, beherbergt die Burg heute das Sudtiroler
Landesmuseum fur Archaologie und die Dokumentation zur Geschichte
Tirols .
Von der Ausstattung der mittelalterlichen Residenz blieb so gut
wie nichts übrig, doch ist ein Besuch des Schlosses nicht nur
wegen der Museumssammlungen unerläßlich. Mit dem Palas- und dem
Kapellenportal finden sich hier zwei der eindrucksvollsten und
zugleich bedeutendsten romanische Kunstwerke des ganzen Landes.
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Wer die Portale durchschreitet, sieht sich flankiert von urtümlichen Menschengestalten, symbolischen Tierfiguren und allen Arten von Fabelwesen aus Holle und Unterwelt: große Raubkatzen im Sprung, einen Kentaur, der mit Pfeil und Bogen nach dem Gekreuzigten zielt, eine Taube, die auf einen Höllendrachen einhackt, eine Hydra, die einen Menschen verschlingt, einen Teufel, der mit einem aufgespielßten Verdammten zur Hölle fährt. Die Portalgewande und Archivolten sind reich verziert mit Flechtbandornamenten, Rankenwerk und Palmetten, was auf eine relativ frahe Entstehungszeit der beiden seltenen Stacke um 1170 hinweist. Die antikisierende Ornamentik wie die Ausführung der Reliefs weisen deutlich den Einfluß der lombardischen Bauplastik auf, die eines ihrer Zentren in Pavia hatte. |
Der zweite kunsthistorisch bedeutsame Teil von Schloß Tirol ist die doppelgeschossige Burgkapelle. Sie ist zur Zeit der Margare the Maultasch fast vollständig mit Fresken ausgemalt worden; die Arbeit erledigten unbekannte Meister, die in zum Teil sehr eigenwilliger Weise und mit deutlichen Reminiszenzen an romanische Darstellungsweisen den frühgotischen Linearstil mit dem sich durch die "Bozner Schule" ausbreitenden Stil in der Nachfolge Giottos vermischten. Dabei sind ihnen besonders im Kreuzigungsbild des Obergeschosses wie in der außerst formenreichen Ornamentmalerei der Fensterlaibungen und Bildumrahmungen vorzügliche Werke gelungen. Von der hölzernen Empore in den oberen Saal führt eine Tür uber ihr ist unter einem gemalten Helm ein Schild mit der ältesten Darstellung des Tiroler Adlers zu sehen. Die zwei Geschosse der Kapelle folgen einem für Burgkapellen nicht unüblichen Schema: Wahrend der untere Raum für das Gesinde bestimmt war, konnten vom oberen die adligen Herrschaften in vornehmer Zuruckgezogenheit dem Gottesdienst beiwohnen - auch hier eine Etage über dem gemeinen Volk. Der gesamte Innenraum wird von der am Triumphbogen befestigten monumentalen Kreuzigungsgruppe aus der Zeit kurz nach 1300 beherrscht. Am Triumphbogen finden sich weitere mit den Portalen zeit- und stilgleiche Steinreliefs, das rechte Apsisfenster enthalt die alteste bekannte Glasmalerei Tirols (um 1350).
| Unterhalb von Schloß Tirol |
© Walter Pippke, Ida Leinberger; |