Vinschgau

Der Vinschgau, das breite Tal zwischen Burggrafenamt und Reschenpass, entspricht wohl am wenigsten dem Bild von Südtirol. Es fehlt dem Haupttal die typische Gebirgsidylle mit Felsen und Bach in Wald und1280px-Oberer_Vinschgau_Mals_01 Wiese; Dieses Formelement der großen Linien unterscheidet auch den Talgrund von allen anderen Tälern Südtirols. Wo immer man im Vinschgau ein Stück bergauf steigt, stellt sich der Talboden als Abfolge riesiger, gegeneinander verschobener schiefer Ebenen dar; sie verleiht dem gesamten Tal seine unverwechselbare Gliederung. Dies sind die berühmten Vinschgauer Murkegel, gewaltige Geröllmassen, die nach starken Regenfällen als Murbrüche aus kleinen, steilen Seitentälern ins breite Haupttal stürzen und sich dort fächerförmig als flache Halb – und Dreiviertelkegel ausbreiten. Dass sie hauptsächlich hier im Vinschgau vorkommen, liegt an der klimatischen Besonderheit des Tales: Es gehört zu den niederschlagsärmsten Gebieten der Ostalpen, dessen Trockenperioden jedoch von plötzlichen heftigsten Regenfällen unterbrochen werden. Dabei kann es noch heute zu jenen katastrophalen Murbrüchen kommen, die in der Geschichte fast aller Vinschgauer Dörfer verzeichnet sind. Deshalb ist es kein Zufall, dass sich im Vinschgau die beiden größten Murkegel des gesamten Alpengebiets finden: die Gadria-Mure hinter Allitz und die Malser Haide; sie stellt mit ihren gewaltigen Ausmaßen eine eigene Landschaft im Tal dar. Die sanften Hänge der Kegel, schon immer für Besiedlung und Behausung geeigneter als die sumpfigen Niederungen der Etsch, tragen heute die allseits geschätzten Edelobstkulturen des Vinschgaus.

Die Andersartigkeit des Vinschgaus ist auch begründet durch seine jahrhundertelange Zugehörigkeit zum rätoromanischen Kulturkreis. Der um die Mitte des 4. Jh. neu gegründeten römischen Provinz Raetia secunda mit ihrem Verwaltungszentrum wurde auch der gesamte Vinschgau zugeordnet. Diese rätoromanische Kultur blieb noch ungebrochen erhalten, als die Franken Churrätien besetzten, und erfuhr erst mit der Gründung des von schwäbischen Mönchen besetzten Klosters Marienberg bei Burgeis (um 1160) eine erste nähere Bekanntschaft mit dem deutschsprachigen Raum. Des ungeachtet hielt sich das Romauntsch bis ins 17. Jahrhundert als allgemeine Umgangssprache, dann jedoch wurde aus politischen Gründen die wesentlich in der Sprache weiterlebende rätische Kultur vernichtet. Als letzter Rest dieser Vergangenheit finden sich im Vinschgau noch die typische Bauweise der rätoromanischen Haufendörfer und natürlich noch zahlreiche Flur- und Ortsnamen haben für unsere Ohren einen recht befremdlichen Klang.

Chur ist bereits seit 451 als Bistum nachgewiesen, seit etwa 590 gehörte ihm auch der Vinschgau an. Diese frühe Zugehörigkeit zu einem kirchlich organisierten Gebiet hatte auch eine frühe Christianisierung zur Folge. Als zudem ganz in der Nähe das bedeutende Kloster Mustair gegründet wurde, begann im Vinschgau eine Serie früher Kirchenbauten, die mit ihren Bemalungen das Tal zu einer Schatzkammer vorromanischer und romanischer Architektur und Freskomalerei werden ließen. Die noch vorkarolingischen Fresken in St. Prokulus bei Naturns sind ein in Europa nahezu einmaliges Zeugnis dieser Kunstepoche.

Quelle: W. Pippke, I. Leinberger, “Südtirol: Landschaft und Kunst einer Gebirgsregion unter dem Einfluss nord- und südeuropäischer Traditionen”. Köln: DuMont 1996.