St. Prokulus

Kurz hinter Rabland liegt auf einem Hang rechts der Staatsstraße, etwa 200m abseits, die von Wiesen und Obstgärten umgebene altersgraue kleine Kirche St. Prokulus. Die landschaftliche Lage der Kirche mit ihrer uralten, zerbröckelnden Umfriedungsmauer und ihrer bemalten Südwand vermittelte bis vor wenigen Jahren das unberührte Bild jahrhundertelangen Verwachsenseins eines Kunstwerks mit seiner Landschaft und galt als klassisches Beispiel der vielgerühmten “Kunstlandschaft Südtirol” – bis die groß angelegten Naturnser Pensionsneubauten immer näher an die kleine Kirche heranrückten und nunmehr den Gesamteindruck fast zerstört haben. St. Prokulus enthält in seinem Innern einen hochbedeutenden Kunstschatz. Es handelt sich um die ältesten Wandmalereien im gesamten deutschsprachigen Raum, um ein von der karolingischen Formensprache noch unbeeinflusstes einzigartiges Zeugnis frühmittelalterlicher Malerei, dessen stilistische Einoproculusrdnung seiner Singularität bis heute umstritten ist.
Viele Kunsthistoriker vermuten in den etwa um das Jahr 800 oder wenig früher entstandenen Fresken den Einfluss des irisch-keltischen Stils, der im Alpengebiet von St. Gallen und Salzburg ausging und hier durch die in merowingischer Zeit von vorwiegend irischen Mönchen getragene Mission Verbreitung fand.
Hier sind römisch- antike Mäanderbänder ebenso verwendet worden wie nordische Flechtbandornamente; die spätantik anmutenden Engel der Triumphbogenwand stehen in ihrer entrückten Haltung im deutlichem Gegensatz zu den naturalistischer gestalteten Figurengruppen mit ihren bewegten Physiognomien. Angesichts dieses schwer entwirrbaren Zusammenspiels zweier grundverschiedener Kunsttraditionen hat es seit der Wiederentdeckung der Fresken eine Flut von Veröffentlichungen und Hypothesen gegeben, in denen der prägende Einflussbereich im Norden, Osten oder Süden nachzuweisen versucht wurde – bisher ohne endgültiges Ergebnis.
Die Grabungen, die ab 1985 durchgeführt wurden, ergaben interessante Befunde zur Baugeschichte der Kirche. Unter dem Bau fand sich der Rest eines spätantiken Hauses, das kurz nach 600 abgebrannt ist. Vor der Mitte des 7. Jahrhunderts hat hier vermutlich ein bajuwarischer Grundherr eine kleine Kirche erbaut; seine Familie nutzte einen kleinen Friedhof daneben etwa von 630 bis 720. Gegen 800 wurde der Innenraum wohl mit Fresken ausgestattet. Sichere Nachrichten gibt es erst wieder aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, als die Kirche den Dornsberger Grafen als Begräbnisstätte diente. Damals wurde das Langhaus erhöht, der Innenraum erhielt eine erste gotische Freskenschicht, unter der die frühmittelalterlichen Bilder verschwanden. Fünfzig Jahre später kamen weitere hochgotische Freskenzyklen hinzu, die heute noch außen und an den erhöhten Langhauswänden zu sehen sind.

procul1Die frühmittelalterlichen Malereien wurden erst 1912 wiederentdeckt. Betritt man die kleine Kirche, so fallen als erstes die Bilder der Südwand ins Auge. Hier findet sich zwischen zwei umlaufenden Mäanderbändern die berühmte Darstellung des wie auf einer Schaukel in einem Seil sitzenden Heiligen, der von drei Männern unter einem stilisierten Dach beobachtet wird. Bei diesem Bild wurde lange Zeit herum diskutiert, um wem es sich handle. Diese bekannte Szene des Schauklers ist links und rechts flankiert von zwei Personengruppen. Von der rechten haben sich die sechs Köpfe erhalten, die alle dem Geschehen in der Wandmitte zugewandt sind; die linke besteht aus fünf dichtgedrängten Gestalten mit langen, faltenreichen Gewändern, die mit ihren Opfergaben dem Altar zuzueilen scheinen. Auffallend sind die Gesichter aller Personen: Sie sind, wie die gesamte Darstellung, in vorwiegend flächenhaft-zeichnerischer Manier stark stilisiert, zeigen aber mit ihren riesigen Augen, deren große Pupillen die Blickrichtung angeben, eine hohe, durch wenige Striche erreichte Expressivität; sie zeichnet besonders die Reste der rechten Personengruppe aus, die sich in unverkennbarer Neugier der seltsamen Szene des Schauklers zuwendet. Eine für die mittelalterliche Freskokunst ebenso einmalige Darstellung befindet sich an der Westwand: Durch den späteren Durchbruch der Tür stark beschädigt, sind hier die Reste einer buntgemalten Rinderherde zu sehen. Die Tiere bewegen sich anscheinend in einer Art Prozession auf die Nordwand zu, geführt von zwei Hirten. Die einzige einleuchtende Deutung der Szene ist die oben erwähnte, welche die Viehherde in Beziehung zum hl. Prokulus als Patron der Tiere setzt. Die Darstellungen der Nordwand entziehen sich einer Deutung, da die Fresken bis auf den oberen Mäander, fünf sitzende Heilige und einen Engel, zerstört sind. Das auffälligste Merkmal der Ostwand ist das breite Flechtbandornament, das sich über dem Triumphbogen hinzieht und den an den drei anderen Wänden umlaufenden Mäander ablöst. Die Komposition eines antithetischen, in kühlen Farbtönen gehaltenen Engelpaares darunter greift mit je einem ausgebreiteten Flügel die architektonische Form des Triumphbogens auf und kennzeichnet den Altarraum als geweihten Ort. Ihre ätherische Erscheinung unterscheidet sich von den markanten Figuren der drei anderen Langhauswände so offensichtlich, dass man der Überzeugung zuneigt, die Ostwand sei von einem anderen Meister bemalt worden.
Die letzte Restaurierung von 1986 hat schließlich die fast unkenntlichen Malereien der Triumphbogenlaibung zurückgewonnen. Es handelt sich um eine symmetrische Darstellung von acht mit Nimben versehenen Halbfiguren in betender Haltung mit zum Betrachter geöffneten Händen. Über den vorkarolingischen Bildern ist ein umlaufender Zyklus gotischer Fresken (Höfischer Stil, um 1400) verblieben. Von ihnen ist besonders der bewegte Zug der Könige an der Nordwand bemerkenswert. An der Rückwand und im Gewölbe der Apsis sind noch Fresken im Linearstil der ersten gotischen Ausmalung von 1350 zu sehen. Auch an der südlichen Außenmauer wurde die Kirche in zwei Bildzonen mit gotischen Fresken bemalt. Sie zeigen in der oberen Hälfte sieben Bilder der Schöpfungsgeschichte, in der unteren vier Szenen aus dem Leben von Adam und Eva. Da die Bilder durch einen früheren Restaurierungsversuch stark entstellt wurden, blieb von ihnen hauptsächlich der Reiz eines vielfarbigen Akzents zwischen grünen Bäumen auf der grauen Kirchenmauer. Im Zusammenhang mit dem hl. Prokulus gibt es in Naturns eine interessante archäologische Ausstellung zu sehen. Als man 1985 in der Kirche lediglich einen neuen Fußboden legen wollte, stieß man auf ein umfangreiches Gräberfeld und entschloss sich zu einer Grabungskampagne. Für einen Teil der Funde wurde im Bürger- und Rathaus von Naturns ein Museum eingerichtet. In St. Prokulus hatte man zuerst eine Massenbegräbnisstätte des 17. Jahrhunderts entdeckt (ein so genannter Pestfriedhof nach einer verheerenden Fleckfieberepidemie im Jahr 1636), darunter mittelalterliche Gräber und ein herrschaftliches Grab, das aus der Gründungszeit der Kirche um 650 stammt. Im Museum ist ein Teil des Pestfriedhofs original so wieder aufgebaut, wie ihn die Archäologen vorfanden; in Vitrinen sind Grabbeigaben auch aus den älteren Gräbern zu sehen. Die Exponate sind so vorgestellt, dass auch die detektivische Arbeit der Archäologen an den Funden erkennbar wird. Außerdem zeigt das Museum abgenommene gotische Fresken aus St. Prokulus, darunter ein großes Bild mit dem Martyrium der hl. Katharina im Linearstil (Mitte des 14.Jahrhunderts).

Quelle W. Pippke, I. Leinberger, “Südtirol: Landschaft und Kunst einer Gebirgsregion unter dem Einfluß nord- und südeuropäischer Traditionen”. Köln: DuMont 1996.