Die Pfarrkirche

Der von großen Laubbäumen umgebene Pfarrplatz ist sehr eng und unregelmäßig, weil die Häuserzeile der Straße zum Passeirer Tor den Anblick der Pfarrkirche fast abwürgt. Diese Gasse zum ältesten Meraner Stadtkern, dem Viertel Steinach, hat den Bauplatz für die Kirche so eingeengt, dass man die Achse des Chores zu der des Langhauses knicken musste, weil der angebaute Turm bis zum Straßenbord vorstößt, während die hintere Fassade kaum vier Meter vom felsigen Steilhang des KüchelberDSC_2558ges absteht. Von einem früheren Bau an der Stelle der heutigen Pfarrkirche wissen wir erst seit etwa 1266, aus einer Zeit, wo die Entwicklung Merans schon fast den Umfang der heutigen Altstadt erreicht hatte, und dass diese Kapelle viel zu klein geworden war. Daher entschloss sich die Meraner Bürgerschaft um 1302 zum Bau eines neuen, großen Gotteshauses. Der Bau fiel in jene günstige Zeit, in der süddeutsche Bauhütten im Lande verschiedene Arbeiten ausführten, und damit war die “erste Möglichkeit zur freien Entfaltung gotischer Steinmetzkunst in Tirol” gegeben. Wie auch bei einigen anderen Kirchenbauten Südtirols, zog sich der Bau sehr lange hin, ja er währte über einige Menschenalter hinaus. Im Jahre 1367 wurde der neue Chor geweiht, wohl ein Werk der Meister der Rottweiler Bauhütte, und erst 1465 das schon früher eingewölbte Langhaus vollendet. Eineinhalb Jahrhunderte war also an der Pfarrkirche gebaut worden. Und beim Turm währte das Werken sogar bis 1545.

Mühen, Opfer und auch die Zeit hat sich gelohnt, ein hochbedeutsames Werk der Tiroler Gotik, eine der schönsten Kirchen Tirols war damit entstanden. Unter Zacharias Laichardinger (1635 -1698), dem ersten Pfarrer, der in Meran residierte, wurde die Empore beim Hauptportal errichtet und die Orgel dorthin versetzt, vieles renoviert und die Inneneinrichtung vervollständigt. Der Kirchenbau musste sich von allem Anfang an dem beengten Bauplatz anpassen, wovon besonders die Außenfassaden betroffen wurden. Die Westseite mit dem Hauptportal konnte wegen des beengten Vorplatzes nicht zur Hauptfassade werden, die Südfassade mit den Seitenportalen, die sozusagen mehr Luft und freieren, natürlich gegebenen Zugang bot, wurde so zur Schaufassade und darum besonders eindrucksvoll gestaltet. Ihr schönster Schmuck sind die beiden Südportale. In seiner breitesten Hohlkehle sind auf Konsolen zahlreiche Statuen von Heiligen und Maria mit dem Kinde angebracht.

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Links wird dieses Portal von einer Statue des hl. Nikolaus in einer von einem steilen Wimperg gekrönten Nische flankiert. Dieser Schutzheilige gegen die Hochwasser hebt segnend und wie bezähmend seine Rechte gegen die Passer, die von hier nur an die zweihundert Meter entfernt vorbeischäumt. Die Meraner wussten, warum sie diese Segnung erflehten, und haben dies wohl dem Rottweiler Steinmetzen vermittelt, denn die Passer war seit Urzeiten das Unheil für Meran, ihre ungebärdigen Fluten haben seit der großen Überschwemmung während der Bauzeit im Jahre 1319 noch achtmal die Stadt verheert und sind erst durch die neuzeitliche Wildbachverbauung gezähmt worden.

Das eindrucksvolle, große Missionskreuz zwischen den Südportalen schuf der bekannte Holzbildhauer Johann Baptist Pendl (1791 – 1859) aus dem Zillertal. Besonders eigenartig wirktIMG_0070 das rechte, kleinere Südportal, ebenso in Kielbogenform, über dem ein zehn Meter hohes Christophorusbild mächtig die Wand beherrscht. Das Christophorusbild, welches sich über dem rechten, etwas kleineren Südportal befindet, wurde 1896 nach den spärlichen, noch vorhandenen Umrissen und Spuren von Alfons Siber (1860 – 1919) aus Schwaz neu gemalt. Ferner sind an dieser Fassade noch zwei Grabsteine aus dem Mittelalter zu sehen, besonders bemerkenswert das Bronze-Epitaph für die Gräfinnen Benigna und Everosina von Wolkenstein (1586) von dem niederländischen Meister Alexander Colin, dem die Hofkirche in Innsbruck die herrlichen Skulpturen am Sarkophag Maximilians I. verdankt. Rechts das neuere Grabmal der Familie Schneeburg-Stachelburg (1837) und eine wertvolle Totenleuchte (um 1530). Sie zeigt über dem spitzbogenförmigen Hauptportal eine schöne Fensterrose, an der Wand Spuren von Malereien aus dem 16. und 17. Jh. und zwischen zwei Strebepfeilern eine restaurierte figurenreiche Kreuztrage aus dem 15. Jahrhundert. Der gleichzeitig mit dem Chor erbaute untere Teil des Turmes und seine zwei unverputzten unteren Geschosse stammen noch aus dem 14. Jh. Das dritte Geschoß des Turmes mit großen gotischen Fenstern wurde gleichzeitig mit dem Langhaus erbaut (1450-1465), das verjüngte Turmviereck mit der Uhr wurde erst 1545 aufgesetzt. Die Vollendung durch den zweigeschossigen, achteckigen Aufbau mit allen Verzierungen und der Dachhaube erfolgte endlich im Jahre 1618. Die Höhe des Turmes wird mit 83m angegeben; er zählt neben dem von Tramin (83 m) und dem von Schlanders (94 m) zu den höchsten Türmen Südtirols. Fesselnd ist der Blick aus dem Langhaus in den Chor, der durch die sieben hohen, bemalten Spitzbogenfenster von einer Woge farbigen Lichts überflutet wird. Die zehn mächtigen, meterdicken Rundpfeiler mit dem Netzgewölbe geben dem Langhaus einen betont einfacheren Charakter als dem ungemein hoch und beschwingt aufstrebenden Chor, der durch Strebepfeiler und das typische Kreuzgewölbe mit reliefgeschmückten Schlußsteinen und die sieben schmalen und 10m hohen Spitzbogenfenster gegliedert wird. Der Triumphbogen schweißt den Laienbetraum mit dem Priesterchor mehr zusammen als ihn abzusondern, und die zwei ungleich breiten Seitenschiffe beeinträchtigen die betonte Längsentwicklung nicht.

Die Kanzel aus roten Sandsteinquadern und der Taufstein aus weißem Marmor im Inneren der Kirche stammen aus der Zeit um 1500. Die Marmoraltäre sind klassizistische Arbeiten. Von den Bildern hat das große Maria Himmelfahrt wenige Jahre als Hochaltarbild gedient, jetzt hängt es an der nördlichen Längswand. Es stammt von dem berühmten Tiroler Barockmaler Martin Knoller aus Steinach am Brenner. Vom gleichen Künstler schmücken zwei kleinere Bilder die Seitenaltäre. Beachtenswert sind ferner zwei Bilder des bekannten Hamburger Malers Friedrich Wasmann (1805 – 1886), der einen Großteil seines Lebens in Meran verbrachte und auch hier begraben ist.

St.-Barbara-Kapelle

Die St.-Barbara-Kapelle DSC_2558unmittelbar hinter der Pfarrkirche steht an der Stelle eines alten Beinhauses, denn hier breitete sich seit ältester Zeit auf sehr engem Raum der alte Friedhof von Meran aus (der erst 1848 aufgelassen wurde). Im Jahre 1422 wurde sehr wahrscheinlich nach den Plänen des berühmten Landshütter Baumeisters Hans Stethaimer (1360-1432) mit dem Bau einer neuen, achteckigen Kapelle begonnen , die ursprünglich außer der hl. Barbara auch anderen Heiligen und demInneres Dach von St. Barbara hl. Michael geweiht war und daher früher auch als Michaels-Kapelle erwähnt wird. Der elegante gotische Bau mit dem breiten Spitzbogenportal, einer prächtigen Fensterrose, innen mit einem reichen und edlen Sterngewölbe, wurde 1440 vollendet. Die Inneneinrichtung ist nicht einheitlich, immerhin sehenswert. Unter den drei Altären fällt ein vergoldeter, gotischer Schnitzaltar auf. Über eine schmale Stiege gelangt man in das in den Fels gesprengte Untergeschoß, die frühere
Beinhausgruft, deren wuchtiges Sterngratgewölbe (Inneres Dach von der St. Barbara Kapelle) auf vier runden Granitsäulen ruht.