Die Landesfürstliche Burg

Die Erbauung einer Privatresidenz in der Stadt durch die Grafen von Tirol geht auf die zweite Hälfte des 15. Jh. zurück und geschah auf Anordnung von Herzog Sigmund, genannt der Münzreiche (1439 – 1490 Tiroler Landesfürst). Das anmutige Gebäude wird Burg genannt, weil darin außer Herzog Sigmund auch Kaiser Maximilian I. (1516) und Kaiser Ferdinand I. (1564) jeweils kurz logiert haben. Letzterer flüchtete mit seiner Familie vor einer Choleraepidemie von Innsbruck (seiner Residenz) nach Meran. Während der bayerischen Zeit (1806 – 1813) erhielt das Anwesen die Adelsfamilie Thurn und Taxis als Entschädigung für den Verlust des Postmonopols. Es wurde Teil des Rentamtes, das für den Einzug der Steuern zuständig war.
Im Jahre 1875 verkaufte die Familie Thurn und Taxis die Burg an die Gemeinde Meran. Da sie baufällig war und man Platz für Schulen brauchte, erwog man, sie abzureißen. Nach starken Protesten von Seiten der Bürger und bei den Vertretern des kulturellen Lebens ließ man schließlich davon ab.
Von da an wurde die kleine Burg mehrfach restauriert, um die Bausubstanz und die kostbaren Wandmalereien aus dem 15. Jh. in der ursprünglichen Form zu erhalten. Die Einrichtung, damals großteils antiquarisch erworben, sollte ebenfalls die ursprünglich gotisch geprägte Atmosphäre wieder entstehen lassen. Gleich nach dem Eingang rechts findet man das Zimmer für die Wachmannschaft. Darin befinden sich Geld- und Reisetruhen sowie eine Sammlung von Waffen aus dem 16. Jh.

Von der Wachstube aus steigt man zum hölzernen Umgang empor. Die Wände sind mit Fresken geschmückt, welche Jagdszenen zeigen. Wir finden unter anderem die Darstellung einer zwar originellen, aber auch grausamen Technik des Vogelfanges mit dem sogenannten „Kloben“. Ein Jäger hält, in einer Laubhütte versteckt, den Kloben, eine Art Holzzange, in den Händen. Sobald sich ein Vogel daraufsetzt, wird das bedauernswerte Geschöpf an seinen Füßchen festgehalten (siehe Abb.).
Wir gelangen nun in einen größeren Vorraum. Von ihm aus führen Türen zur Küche, zum kaiserlichen Gemach und zu einem Schlafzimmer. Hinten entdecken wir die schön gestaltete Burgkapelle.

Das Kaiserzimmer erinnert an den Besuch Kaiser Maximilians I. in Meran (1490 bis 1519 Tiroler Landesfürst). In diesen Raum gelangt man durch eine elegante Tür mit dem Wappen von Niederösterreich. Über der Tür schräg gegenüber hängt jenes von Österreich.
Es fällt sofort ein Kachelofen aus der zweiten Hälfte des 15. Jh. ins Auge. Darauf sind mythologische Szenen dargestellt, Bilder vom hl. Sigmund und hl. Georg sowie die Wappen der habsburgischen Herrschaftsgebiete. Der Ofen wurde direkt von der Küche aus befeuert. So blieb der Raum sauber.
Das anschließende Schlafzimmer überrascht auch mit einer Besonderheit, einem gotischen Doppelbett mit Baldachin. An den Seiten sind zwei Vorhänge angebracht, welche in den Winternächten die Kälte abschirmten. Nicht unweit vom Bett sehen wir einen Schrank und ein Möbel für die persönliche Toilette, versehen mit einem originellen Handtuchträger. Das Handtuch wird von einer weiblichen Fantasiegestalt gehalten.

Die Kapelle, ganz im herrschaftlichen Stil der Zeit, ist mit Fresken geschmückt. Das mittlere Gemälde hat die Kreuzigung zum Thema. Das seitliche zeigt zwei Heilige, den hl. Oswald, den Schutzheiligen der Kreuzfahrer – erkennbar an der Krähe, die er in der Hand hält, – und ferner den hl. Conifried.
Hier findet eine alte Landkarte von Tirol unsere Aufmerksamkeit. Des Weiteren sehen wir seltene Stücke einer Waffensammlung, darunter eine Armbrust aus dem 16. Jh. (mit einer Ladewinde) und ein Kettenhemd aus der Zeit der Kreuzzüge. Vom Vorraum aus gelangt man in das Spielzimmer, das uns an den Zeitvertreib der Edlen erinnert, dann in den Hochzeitssaal, der bis vor nicht allzu langer Zeit für standesamtliche Hochzeitsfeiern als würdiger Rahmen diente.
Im Erker des Hochzeitssaales können wir gut erhaltene Gemälde mit Jagdmotiven sehen. Sie stammen aus dem 19. Jh.

In der Mitte hängt ein Luster, auch aus jener Zeit, geformt aus einem Hirschgeweih (Sinnbild für Kraft und Fruchtbarkeit) mit einer mythologischen weiblichen Figur. Solche Lusterformen, auch „Lusterweibchen“ genannt, waren in Gasthöfen weit verbreitet. Sie kennzeichneten dort die Stammtische. Auf der rechten unteren Seite des Vorraumes rechts vor der Schreibstube ist eine Maueröffnung, die zur darunterliegenden Kapelle führt. Eine findige Lösung, um der Herrschaft das Beiwohnen an religiösen Handlungen zu ermöglichen, ohne dabei zu sehr mit der Dienerschaft in Berührung zu kommen, die sich einen Stock tiefer zum Gebet einfand.

Quelle: Alessandro Baccin “Meran entdecken“ Meran: Tangram 2007