Geschichte der Stadt

Wer heute das von Menschen überquellende Meran betritt, wird sich nicht vorstellen können, welchen Anblick das vergessene Städtchen Anfang des vorigen Jahrhunderts geboten haben muss. Denn die touristenträchtige Berühmtheit dieses Orts verbreitet sich erst seit der 1836 erfolgten Entdeckung Merans als Kurstadt. Zuvor war Meran fast 300 Jahre ein heruntergekommenes Provinzstädtchen gewesen, wegen der in den Lauben gehaltenen Viehherden geringschätzig als Kuhstadt tituliert und in einer 1774 von Peter Anich angefertigten Karte Tirols kleiner als Sterzing und Rattenberg verzeichnet. Dabei hatte Meran im Mittelalter als Landeshauptstadt der Grafschaft Tirol, die zu ihren besten Zeiten immerhin vom Gardasee bis Kufstein und von Graubünden bis Kärnten reichte, glanzvolle Tage gesehen. Zu Füßen der ab 1120 erbauten Stammburg der Tiroler Grafen gelegen, wurde die Stadt das Zentrum dieser sich ständig erweiternden Territorialherrschaft und folglich mit Gerichtsbarkeit, Ämtern und Privilegien ausgestattet. Als jedoch 1420 die landesfürstliche Residenz vom Schloss Tirol nach Innsbruck, bald darauf die Münze von Meran nach Hall verlegt wurde und immer mehr zentrale Behörden auf die andere Brennerseite abwanderten, war die große Zeit der Stadt vorbei. Mit dem Weggang des Hofstaats nach Innsbruck, der Märkte wie des Handels in das verkehrsgünstigere Bozen, waren die Meraner von allen guten Einnahmequellen verlassen, sie wandten sich deshalb notgedrungen Handwerk und Landwirtschaft zu, und nichts bezeichnet den Niedergang der Stadt deutlicher als jene 150 nachgewiesenen Kühe in den Gebäuden der einst so noblen Altstadt im Jahr 1702.

Erneuter Aufstieg in Meran

Der zweite Aufstieg Merans zur weltberühmten Kurstadt begann im Jahr 1836, als ein Dr. Josef Huber, in Wien Hausarzt der Fürstin Mathilde von Schwarzenberg, einen Aufsatz über den Heilwert des Klimas und der Trauben von Meran veröffentlichte. Bereits 1838 erschien Kaiser Ferdinand I. von Österreich samt Kaiserin und Gefolge auf der Durchreise nach Mailand zu einem kurzen Aufenthalt in der Stadt, 1845 folgten die Könige von Württemberg und Preußen, ein Jahr später kam der belgische König. Von nun an tummelte sich die feine Gesellschaft der Donaumonarchie in Meran; neben Bürgermeistern und Kurärzten, die schleunigst für eine entsprechende Organisation des Kurbetriebs sorgten, hat die Stadt besonders dem Erzherzog Johann von Österreich viel zu verdanken. Der hatte sich schon mit seiner Sympathie für die aufständischen Tiroler des Jahres 1809, endgültig aber durch seine Ehe mit der schönen Postmeisterstochter Anna Plochl alle Chancen für eine Karriere in den vorderen Reihen des Hauses Habsburg verscherzt. Dafür kaufte er sich das Schloss Schenna oberhalb Merans, richtete eine fürstliche Hofhaltung ein, die der Stadt einen ständigen Fluss aristokratischer Besucher sicherte, und verbrachte dort angenehme Tage.

Obwohl Meran heute fest in der Hand des Massentourismus ist, hat sich besonders in Obermais und auf der Kurpromenade mit ihren Cafés viel von der Atmosphäre dieser Zeit erhalten. Die berühmte Landschaft des Burggrafenamts ist nicht so gut davongekommen: Den weiten Blick von den Palmen am Passerufer zum Schnee auf der Texelspitze beeinträchtigen heute die durch zahllose Neubauten zersiedelten Hänge von Dorf Tirol und Schenna.